Назаров Илья Федорович: жизнь и творчество

Über die pädagogische Meisterschaft und Wege ihrer Aneignung. Potsdam, 1977







3. Zum Begriff der pädagogischen Meisterschaft


A. S. Makarenko
А. С. Макаренко
Über die pädagogische Meisterschaft hat bekanntlich A. S. Makarenko viel nachgedacht und ist dabei auch zur Darstellung von Resultaten gekommen. Nach seiner Meinung muss die pädagogische Meisterschaft als selbständiges Gebiet der Tätigkeit eines Pädagogen betrachtet werden. Er schrieb "dass der Erziehungsprozess logisch unterschieden werden kann, und ebenso kann auch von einer besonderen Meisterschaft des Erziehers gesprochen werden."1 Die pädagogische Meisterschaft wurde von ihm als Faktor betrachtet, der den Pädagogen vor unnötiger und überflüssiger nervlicher Belastung bewahrt. "Man darf doch nicht zulassen, dass unsere Nerven zum pädagogischen Instrument werden, dass wir nur kraft unserer Leiden und Seelenqualen Kinder erziehen. Wir sind doch Menschen. Und wenn man in jedem anderen Beruf Seelenqualen vermeiden kann, so muss das auch bei uns geschehen."2

A. S. Makarenko hob die große Bedeutung der politisch-ideologischen und moralischen Überzeugungen eines Pädagogen hervor. Er war jedoch der Meinung, dass diese Überzeugungen, die den Charakter und die Zielrichtung der pädagogischen Tätigkeit bestimmen, noch keine pädagogische Meisterschaft garantieren. "Ich habe viele kenntnisreiche Pädagogen, Sowjetpatrioten, kennengelernt, die jedoch weder mit den Eltern, noch mit den Schülern ein Gesprach zu führen wissen."3

Wie stelite sich A. S. Makarenko einen Pädagogen, der Meister seines Faches ist, vor? Es ist bekannt, dass er sich mehrmals als "gewöhnlichen Lehrer", als "gewöhnlichen Angehörigen der Intelligenz" bezeichnete und sich nicht einmal für einen talentierten Erzieher hielt; er war tief davon überzeugt, dass er ein "gewöhnlicher, mlttelmäßiger Pädagoge"4 ist. Wenn die Rede darauf kam, dass er über eine eigene Art und Weise der pädagogischen Arbeit verfügt, betonte er, dass er nicht durch sein Talent zu dieser Arbeitsweise gelangt sei, sondern durch die Notwendigkeit, durch den Charakter der Angelegenheit, mit der er beauftragt wurde. Wenn er vor Lehrern auftrat, sagte er z. B.: "Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, dass ich mich nie für einen talentierten Pädagogen gehalten habe. Dafür halte ich mich auch jetzt noch nicht. Das sage ich Ihnen geradeheraus. Aber ich habe viel gearbeitet... und es gelang mir, diese Meisterschaft zu erringen."5

Es ist möglich und offensichtlich auch notwendig, die Grundlage für solche Selbsteinschätzungen in der natürlichen menschlichen Bescheidenheit von A. S. Makarenko zu suchen. Man darf aber auch sein unduldsames Verhalten gegenüber jeder Art von pädagogischer Koketterie, gegenüber Unaufrichtigkeit bei der Einschätzung seiner eigenen Tätigkeit als auch bei der Bewertung der Tätigkeit seiner Kollegen nicht vergessen. In seinen Aussagen war er immer äußerst offen, ganz gleich ob von Erfolgen oder Misserfolgen in der Arbeit die Rede war. So spricht er völlig aufrichtig davon, dass er am Anfang seiner Arbeit schlecht auf die Arbeit als Erzieher vorbereitet war, dass er die pädagogische Technik erst mangelhaft beherrschte, dass er sich viel quälte, irrte und leiden musste.6

A. S. Makarenko war das Gefühl einer falschen Bescheidenheit fremd. Seine Selbsteinschätzungen dienten ihm als Grundlage für Überlegungen, für Analysen, für die Bekräftigung von Schlussfolgerungen, die aus den Arbeitserfahrungen resultierten.

Eine der wichtigsten Schlussfolgerungen, die A. S. Makarenko zog, besteht darin, dass sich jeder Mensch die pädagogische Meisterschaft aneignen kann. Er sagte: "Die Meisterschaft des Erziehers ist nicht irgendeine besondere Kunst, die Talent erfordert, sondern sie ist eine Spezialität, die gelehrt werden muss, wie man einen Arzt, einen Musiker in der Meisterschaft unterweist. Jeder Mensch, der nicht gerade anormal ist, kann Arzt sein und Menschen behandeln, und jeder kann Musiker sein; der eine ein besserer, der andere ein schlechterer. Das hängt von der Güte des Instruments, der Ausbildung usw. ab."7

Was hatte A. S. Makarenko aber im Auge, wenn er über pädagogische Meisterschaft und darüber sprach, dass diese sich jeder Mensch aneignen kann? Er sagte beispielsweise, dass sich pädagogische Meisterschaft in der Fähigkeit "im menschlichen Antlitz, im Gesicht des Kindes lesen zu können", ausdrückt, wobei er bemerkte, dass "nichts Spitzfindiges" und "nichts Mystisches" darin liegt, wenn man im Gesicht gewisse Zeichen seelischer Regungen erkennt.8 Große Bedeutung maß A. S. Makarenko der Stimmlage, der Mimik und den Gesten bei. Dennoch ist all dies nur ein Teilchen von dem, was A. S. Makarenko zum Begriff der pädagogischen Meisterschaft zählte.

Pädagogische Meisterschaft wurde von A. S. Makarenko sehr weit gefasst, sowohl als Kenntnls des Erziehungsprozesses als auch erziehsrisches Können.9 Und er zeigt sie vor allem und hauptsächlich im Zusammenhang mit den verschiedenen Seiten der Schaffung eines Kollektivs und der Organisierung und Aktivierung einer vielseitigen Tätigkeit für die Zöglinge.

Er betrachtet das Kollektiv in Zeit und Raum, in qualitativer und quantitativer Hinsicht. Für ihn war es beispielsweise sehr wichtig, wieviel Personen zu einer Pioniergruppe gehören, wie die Wechselbeziehungen der Zöglinge in der Gruppe entsprechend ihrem Erziehungsniveau sind, wieviel Zeit für die Herausbildung dieser oder jener Merkmale und Eigenschaften des Kollektivs erforderlich ist, welche altersmaßige Zusammensetzung das Kollektiv aufweist, was das Zentrum des Kollektivs bedeutet, welche Rolle die Dynamik der Entwicklungsstadien spielt und vieles andere.

A. S. Makarenko trug eine Reihe neuer Termini in die Pädagogik hinein, so z. B. "Übung des Verhaltens", "nahe, mittlere und feme Perspektiven", "Technik der Erziehung", "Instrumentarium des Erziehungsprozesses", "das Kollektiv als Saal für die Übung des Verhaltens", "Pädagogik der parallelen Einwirkung" und viele andere. Schon diese unvollständige Aufzählung zeigt, wie tief Makarenko das Wesen der pädagogischen Meisterschaft durchdrungen hat. Die Lehre Makarenkos wurde zu einer zuverlässigen Grundlage für die Vervollkommnung des Systems der kommunistischen Erziehung im Sowjetland.

Welche Seite oder welches Detail der pädagogischen Tätigkeit A. S. Makarenko auch betrachten mag, er spricht in jedern Pall direkt oder indirekt über die Meisterschaft, darüber, wie man handeln muss oder kann bzw. warum man sich so verhalten muss, um diese oder jene Aufgabe zu bewältigen.

Ob er über die Organisierung von Arbeit und Erholung der Zöglinge, über Ordnung und Disziplin, über Belohnung und Bestrafung, über Traditionen und Perspektiven des Lebens im Kollektiv spricht, ständig ist die Rede von der pädagogischen Meisterschaft, A. S. Makarenko geht dabei nicht von toten, abstrakten Uberlegungen aus, sondern er spricht konkret und klar, wobei er Varianten für Entscheidungen, interessante Einfälle und Neuerermethoden aufzeigt. Es ist die Rede sowohl vom Wesen dieser oder jener pädagogischen Gesetzmäßigkeit als auch von Wegen zur Lösung verschiedener pädagogischer Aufgaben. Wenn A. S. Makarenko zum Beispiel über die Perspektive im Erziehungsprozess redet, so stellt er nicht nur tiefgründig und allseitig ihr Wesen und ihre Rolle dar, sondern gibt Ratschläge und demonstriert Varianten für die Durchsetzung der Perspektivlinien. Er beschränkt sich nicht nur auf die Feststellung, dass Misserfolge bei vielen Erziehern aus MängeIn bei der Verdeutlichung der Perspektive resultieren.

A. S. Makarenko rät, empfiehlt, zeigt, wie diese Mängel zu überwinden sind, wie man den Kinderseelen die Freude auf den morgigen Tag einhaucht. Seine Ratschläge sind keine besonderen, keine einmaligen Ratschläge, die nur auf spezielle Bedingungen anwendbar sind. Jeder seiner Hinweise enthält wichtige Gedanken über die pädagogische Meisterschaft, und deshalb tragen viele Ratschläge allgemeingültigen Charakter, gewichtigen theoretischen Inhalt. Einige, scheinbar ganz kleine Details der Erfahrung von A. S. Makarenko treten in Wirklichkeit als allgemeingültige Kennzeichen, als Muster der pädagogischen Meisterschaft in Erscheinung, an denen man sich als moderner Pädagoge nicht nur orientieren kann, sondern orientieren muss.

Die besten Erzieher erfassen tiefgründig jede Zeile des pädagogischen Vermächtnisses von A. S. Makarenko. Sie sehen in ihr den lebenden, wirkenden Meister. Das bereichert ihr Schaffen. Eine Klassenleiterin erörterte z. B. jeden Sonnabend mit ihren Schülern den Arbeitsplan für die bevorstehende Woche. Am Montag wurde er in der Klasse ausgehängt und jedesmal waren ein bis zwei Punkte hervorgehoben (entweder unterstrichen oder größer geschrieben). Einmal war zum Beispiel der Punkt unterstrichen: "Gemeinsamer Spaziergang zum See mit Zubereitung des Abendbrots". Als wir fragten, warum gerade dieses Vorhaben hervorgehoben ist, sagte die Lehrerin, dass es für sie etwas Ungewöhnliches ist. "Erinnern Sie sich", sagte sie, "A. S. Makarenko legte dar, dass die Perspektive manchmal ein einfaches kindliches Vergnügen beinhalten sollte. Er sagte zum Beispiel, die Kinder sollen wissen, dass es in einer Woche zum Mittagessen Eis geben wird. Ich versuche immer, in den bevorstehenden Dingen solch ein 'Eis' zu finden und es hervorzuheben. Das gibt dem Leben in der Klasse Wärme, macht es heiterer, freudiger." Es scheint eine Kleinigkeit zu sein, aber sie spricht davon, dass vom pädagogischen Vermächtnis A. S. Makarenko's alles äußerst wertvoll für die "Meister der Erziehung" ist.

Ein anderer Klassenleiter, der jeden Sommer mit Kindern eine mehrtägige Reise unternimmt, erzählte uns, dass er sich bei der Vorbereitung und Durchführung dieser Vorhaben im wesentlichen von den Ratschlägen A. S. Makarenko's leiten lässt. "Bei der Auswahl der Reiseroute, bei der Vorbereitung der Reise, bei der Berücksichtigung vieler Dinge der Reiseleitung, die als Kleinigkeiten erscheinen, frage ich Anton Semjonowitsch um Rat, der für mich der beste Organisator des Kindertourisnius ist", sagte der Lehrer.

A. S. Makarenko analysierte seine pädagogische Tätigkeit und ihre Resultate, verdeutlichte die verschiedenen Aspekte der pädagogischen Meisterschaft und unterstrich, dass sich bei jedem Schritt des Erziehers Meisterschaft offenbart.10 Sie tritt immer bei jeder konkreten Handlung oder der Gesamtheit von Handlungen zur Erreichung von diesem oder jenem Ziel in Erscheinung. A. S. Makarenko sagt zum Beispiel, dass er erst dann ein wahrer Meister wurde, als er lernte, seine Stimme zu varüeren, dem Gesichtsausdruck und der Körperhaltung Nuancen zu verleihen. Gleichzeitig antwortet er aber auch auf die Frage, wozu diese Varianten und Nuancen nötig sind: Sie sind dazu da, den Erzieher zu verstehen, um das zu tun, was er für nötig hält. "Nun hatte ich nicht mehr zu fürchten, dass einer daraufhin nicht zu mir kommen oder dass er nicht empfinden würde, was er empfinden sollte."11 Mit anderen Worten, die pädagogische Meisterschaft kommt in der Erreichung des Ziels, in der Erreichung der gewünschten pädagogischen Ergebnisse zum Ausdruck.


1A. S. Makarenko: Werke. Bd. V, a. a .O., S. 277.
2Ebenda, S. 278.
3Ebenda, S. 304.
4Vgl. ebenda, S. 277.
5Ebenda, S. 241.
6Vgl. ebenda, S. 151.
7Ebenda, S. 277.
8Vgl. ebenda, S. 278.
9Vgl. ebenda, S. 242.
10Vgl. ebenda, S. 278.
11Ebenda.











Buchinhalt
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1. Impressum

2. Einführung

3. Zum Begriff der pädagogischen Meisterschaft

4. Das Resultat pädagogischer Einwirkungen

In Vorbereitung:

Die Wahl des Weges zum Ziel

Die pädagogische Situation

Varianten pädagogischer Entscheidungen

Aus den Erfahrungen der Arbeit zur Herausbildung der erzieherischen Meisterschaft bei Studenten der Pädagogischen Hochschule





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